Fragen: Allgemein

Freiheit ist die Voraussetzung für eine optimale Entwicklung des Kindes. Jedes Kind strebt von Anfang an danach, unabhängig und selbstständig zu werden und sich vom Erwachsenen zu lösen. Aufgabe des Erwachsenen ist es, das Kind für seine Entwicklung freizugeben.

Freiheit bedeutet dabei nicht, dass man tut, was man will, sondern über Selbstkontrolle und Selbstdisziplin zu verfügen. Freiheit ist gebunden an Normen und Regeln. Sie geht immer einher mit Begrenzung, die wiederum Halt und Geborgenheit gibt. So erst können Freiräume entstehen.

Auch lernt der Mensch am besten, wenn er aus Freude und aus Einsicht lernt und handelt, wenn er will, was er macht. Dies ist möglich, wenn er das Gefühl hat, willkommen zu sein, wenn er aktiv gestalten kann, wenn er nicht Objekt, sondern Subjekt der Erziehung und Bildung ist.

Aus der Freiheit und der freien Arbeit entsteht ohne Druck von außen die spontane Disziplin, die für Montessori-Einrichtungen so charakteristisch ist.

Um ihr soziales Leben erfahren und erproben zu können, brauchen Kinder einen durch Ordnungen und Regeln geschützten Raum, ausreichend Zeit und Freiheit von falscher Einmischung. So können sie soziale Tugenden wie Rücksichtnahme, Toleranz, Respekt, Mitgefühl, Solidarität, Hilfsbereitschaft, Kompromissbereitschaft und Friedfertigkeit entfalten und einüben.

In vielfältiger Weise können sie eigene soziale Erfahrungen machen, einschließlich der Erfahrung, dass die individuelle Freiheit als soziale Grenze das Gemeinwohl hat. Sie lernen, ihr Zusammenleben und gemeinsame Angelegenheiten selbst zu regeln, Konflikte zu lösen oder zu vermeiden und zu kooperieren.

Kinder brauchen eine Umgebung, die ihrer Aktivität, ihren Entwicklungsbedürfnissen und Sensibilitäten sowie ihren Interessen angepasst ist.

Die Umgebung muss so beschaffen und vorbereitet sein, dass jedes Kind Bedingungen findet, die für seine Konzentration günstig sind. Nicht das KInd soll sich einer starren Umgebung anpassen, sondern die Umgebung muss dem Kind angepasst werden.

Klare Ordnungsstrukturen in der Umgebung unterstützen das Kind beim Aufbau eigener innerer Ordnungen und Strukturen. Überflüssiges muss vermieden werden, Notwendiges jedoch so ausreichend vorhanden sein, dass niemals Mangel an geistiger Nahrung herrscht. Das KInd braucht Gegenstände, Anregungen und vor allem Freiheit, um selbst tätig werden zu können und sich bewegen zu können.

Die vorbereitete Umgebung repräsentiert klar und übersichtlich eine äußere Ordnung, so dass sich der kindliche Geist orientieren kann. Sie muss attraktiv sein, um das Kind zu jener Aktivität aufzufordern, die es braucht, um von der äußeren Ordnung zur inneren zu gelangen.

Während einer freien oder frei gewählten Aktivität kann jeder Mensch in einen Zustand der Konzentration bis hin zur Versenkung, der Polarisation der Aufmerksamkeit, gelangen. In einer solchen Phase vollzieht sich ein Wandlungsprozess durch Aufbau einer inneren Ordnung.

In der freien und konzentrierten Aktivität trainiert das Kind Ausdauer, Präzision, Zielstrebigkeit, Zuverlässigkeit und Anstrengungsbereitschaft. Es schult seinen Willen und seine Entscheidungs- und Urteilsfähigkeit. DIe Aktivität weckt Interesse und innere Motivation. Sie verschafft Freude und Befriedigung und gibt ein Gefühl für Selbstwert und Würde.

Die harmonische Vereinigung aller Kräfte im Kind geschieht also durch die Polarisation der Aufmerksamkeit, durch konzentrierte, auf ein Ziel gerichtete Bewegung und Arbeit. Die Konzentration tritt dann ein, wenn das Kind sich einer Arbeit mit einem sinnvollen Ziel zuwendet und seine Aktivität unter Betätigung der Hand auf dieses Ziel hin sammelt. In der Konzentration erschließt sich das Kind die Welt. Mit der Konzentration beginnt für Montessori die Ordnung des psychischen Lebens, das heißt die Normalisation.

Keine Pädagogik hat einen derartig fein aufeinander abgestimmten, wissenschaftlich entwickelten und umfassend erprobten Fundus an Materialien, die das Kind zu selbsttätigem Handeln auffordern und die obendrein einen hohen diagnostischen und therapeutischen Wert haben.

Es gibt spezielle Materialien zu den Bereichen "Übungen des täglichen Lebens". Es gibt das "Sinnesmaterial", das "Sprachmaterial", "Materialien zur Mathematik und Geometrie" und die "Materialien zur Kosmischen Erziehung", mit deren Hilfe sich das Kind Natur und Kultur ganzheitlich erschließen kann. Das Kind arbeitet mit diesen Entwicklungsmaterialien in der Freiarbeit.

Das didaktische Material stellt die Schiene dar, auf der sich das Kind in seiner Entwicklung fortbewegt. Das Material ist für Montessori der „Schlüssel zur individuellen Erziehung“ des Kindes. Ist noch für das vorschulische Kind reichlich Material vorhanden, weil gerade das 3- bis 6-jährige Kind seine Intelligenz durch konkrete Handlungen schulen will, macht sich das Material im Laufe seiner Entwicklung überflüssig. 

Das didaktische Material weist allgemeine Grundsätze auf, die für alle fünf Gruppen maßgeblich sind. Ein grundlegendes Kriterium ist die freie Wahl des Materials, das wohlgeordnet für alle Kinder zugänglich ist. Der selbständige Umgang mit ihm gibt dem einzelnen Kind die Möglichkeit, sich seinen eigenen Arbeitsrhythmus anzueignen und sein individuelles Lerntempo zu entwickeln. Da jedes Material eine Fehlerkontrolle enthält, kann das Kind sich einen Überblick über seine einzelnen Lernschritte und -erfolge verschaffen und gewinnt Unabhängigkeit von der Beurteilung des Lehrers. Bei jedem Material ist eine Eigenschaft isoliert, der das Kind seine Aufmerksamkeit schenken kann. Es enthält aufeinander abgestufte Schwierigkeitsgrade. Durch seinen gesunden mathematischen Geist lernt das Kind zu vergleichen und zu unterscheiden.

Jedes Kind zeigt von Geburt an Neugier und spontane Aktivität.

Sein Lernen ist untrennbar mit Wahrnehmung, Bewegung und Gefühlen verbunden. Das Kind ist kein Gefäß, das sich mit beliebigen Inhalten füllen lässt. Je nach Phase seiner Entwicklung zeigt das Kind eine sensible Aufnahmebereitschaft, Interessen und Neigungen für bestimmte Lernfelder. Nicht durch Belehren wird gelernt, sondern dadurch, dass eigene Erfahrungen gemacht werden.

Das Verhalten und Handeln des Kindes – so auch sein Arbeitstempo und Arbeitsrhythmus – weichen von der zielgerichteten Arbeitsweise des Erwachsenen ab. Doch nur aufgrund eigener Arbeit kann sich das Kind von den Weisungen des Erwachsenen unabhängig machen. Diese Unabhängigkeit nennt Montessori die soziale Befreiung des Kindes. Aus dem Gefühl der eigenen Unabhängigkeit geht die menschliche Würde hervor. Gibt der Erwachsene dem Kind Raum und Zeit, sich frei zu entwickeln und seinen inneren Bauplan zu leben, indem er es in Respekt vor dem Geheimnis des Kindes behutsam führt, um es frei zu lassen, dann entwickelt es sich normal.

Diese normale Entwicklung des Kindes tritt dann ein, wenn es nicht durch äußere Faktoren bestimmt wird, sondern die Freiheit hat, seinen immanenten Bauplan zu entfalten. 

Jedes Kind hat seine eigenen individuellen Lernvoraussetzungen – je nach seiner Begabung, seiner Emotionalität, seinem Lernverhalten, seinem sozialen Milieu, seinen Vorerfahrungen, Vorkenntnissen und Interessen.

Jedes Kind lernt anders, jedes hat seinen eigenen Lernzugriff und sein eigenes Lerntempo. Was ein Kind lernt oder speichert, entscheidet es letztlich selbst.

Lernen ist ein individueller, autodidaktischer Prozess des Lernenden selbst. Der Lernende muss sein eigener Lehrer werden. Lernen kann daher nicht im Gleichschritt erfolgen, sondern sollte so weit wie möglich differenziert sein.

Um sein Lernen selbst steuern zu können, braucht das Kind Freiheit zum Handeln und Entdecken, zur Wahl eines Lerngegenstandes und der sozialen Arbeitsform. Gleichzeitig benötigt es anregendes, intelligent strukturiertes Material und Lernanlässe, die Neues und Bedeutungsvolles beinhalten und seine Begeisterung wecken. Das Interesse ist der Schlüssel des Lernens.

Wichtig ist eine ruhige, friedliche Lernatmosphäre, in der Kooperation und Aufmerksamkeit gefördert und Konkurrenz und Ablenkung eingedämmt sind.

Lernen braucht Zeit und Gelegenheit zu WIederholung und Vertiefung.

Lernen braucht Struktur und Ordnung. Es geht nicht um die Anhäufung von Wissensbergen, sondern um das Verstehen von Zusammenhängen und Ordnungen.

Das Lernen des Kindes hat seine Begründung in sich selbst. Sein Sinn liegt nicht im Erwerb von Noten und Zeugnissen, sondern in der Bildung der Persönlichkeit. Ohnehin lässt sich überhaupt nur ein geringer Teil des Lernens messen.

Kinder wollen Resonanz und Rückmeldung über ihr Lernen, was aber nicht zwingend in Form von Noten geschehen muss. Das Kind will seine Fähigkeiten vervollkommnen. Dazu unternimmt es Anstrengungen und vollbringt Leistungen. Der Lohn liegt im Innern des Kindes, wenn es glücklich, zufrieden und stolz ist.

Alle Erzieherinen/Erzieher und Lehrkräfte haben neben ihrer fachpädagogischen Ausbildung eine Zusatzausbildung mit dem Abschluss des Montessori-Diploms.

Montessori-Pädagogen haben gelernt, sich zugunsten des Kindes und im Respekt vor dem Kind zurückzunehmen, seine Entwicklung zu beobachten, zu moderieren und zu unterstützen und für die Einhaltung der Regeln zu sorgen.

Montessori schafft ein neues Bild von der Lehrerin. Es gibt keine "Schulmeister" mehr, die lehren, sondern nur Erwachsene, die dem Kind helfen, im Umgang mit dem Material in einer vorbereiteten Umgebung sich zu entwickeln. Die neue Lehrerin hat eine "sittliche Gewandtheit" erworben, "die ihr bisher keine andere Methode abverlangt hat und die aus Ruhe, Geduld, Barmherzigkeit und Demut besteht. Tugenden und nicht Worte sind die höchste Vorbereitung." Sie korrigiert die Fehler des Kindes nicht, sondern ist sich vielmehr klar über ihre eigenen Fehler geworden. Ihre erzieherische Aufgabe besteht darin, mit Feingefühl dem Kind Raum für die eigenständige Entwicklung zu lassen und dennoch zur Mitarbeit bereitzustehen, wenn das Kind sie auffordert.

Weltweit gibt es einige tausend Montessori-Kinderhäuser und Montessori-Schulen. DIe Montessori-Pädagogik kann eine seit Jahrzehnten bewährte Praxis vorweisen.

Auch in Deutschland gibt es Hunderte von Kindergärten und Grundschulen – die meisten von ihnen in privater Trägerschaft. Sie sind hervorgegangen aus der Initiative von Eltern auf der Suche nach einem pädagogischen Konzept, mit dem sie sich identifizieren können und das sie für ihr Kind wünschen.

Viele aktuelle Forderungen der Wissenschaft für eine Reform des Erziehungs- und Bildungswesens in Deutschland sind seit Jahrzehnten gängige Praxis in der Montessori-Pädagogik. Die Vorstellung Montessoris von Kinderhaus und Schule als Lebens- und Erfahrungsraum gehen jedoch weit darüber hinaus.

Viele Erkenntnisse, die Montessori vor 80 Jahren aus den Beobachtungen von Kindern hinsichtlich Entwicklung und Lernen gewann, wurden inzwischen durch Forschungsergebnisse aus der Neurobiologie, Kognitionspsychologie, Lernforschung und Hirnforschung bestätigt.

Der Erwachsene "muss ganz genau das geben und tun, was nötig ist, damit das Kind nutzbringend handeln kann; wenn er weniger als nötig tut, kann es nicht effektiv handeln; und wenn er mehr tut, als er muss und sich dem Kind aufdrängt oder sich an dessen Stelle setzt, zerstört er in ihm den kreativen Impuls. Es existiert also eine Intervention, die man bestimmen kann; es gilt eine scharfe Grenzlinie zu erreichen, die man Interventionsschwelle nennen könnte."
 

Maria Montessori